Heute mal ein „ernsterer“ Beitrag rund um das Thema Nähen. Kürzlich war ich Teil einer Diskussion, in der die Ausgangsfrage war:

„Wie fändet ihr es, wenn man als Probenäher/Designnäher Geld bekäme?“ (*1)

Die ersten Reaktionen gingen eher in die Richtung

  • Rechnet sich das denn?
  • Das wäre schön, aber das kann sich keiner leisten.
  • Nähen ist ein Hobby und für andere Hobbies wie Fußball und Tanzen bekommt man ja auch kein Geld.

Vielfach kam aber durchaus der Hinweis, dass Familie und Freunde oft Unverständnis hätten, dass sich die Näher*innen eben nicht dafür bezahlen und sich „ausnutzen“ ließen.

Und dann bin ich in die Diskussion eingestiegen und habe mich in Rage geredet bzw. geschrieben (und daran mag ich dich heute mal Teil haben lassen):

Hobbies wie Fußball, Tanzen und auch reines Nähen und Bloggen aus Spaß an der Freude ist ja schon etwas anderes als Probenähen oder Designnähen. Das machen die Designer*innen und Stoff-Shops ja nicht nur, um Schnitte (oder Stoffe) zu testen, sondern eben auch wegen des damit verbundenen Marketings. Das erkennt man (leider) ganz oft daran, welche Näher*innen mit welcher Reichweite ausgewählt werden. Und Marketing bzw. Reichweite kostet halt nun einmal eigentlich Geld – siehe die ganzen Influencer auf Insta, aber natürlich auch Werbung in Print oder TV. Hinzu kommt: Wir machen ja nicht nur Marketing in Form von Posts auf Social Media, sondern wir sind auch „Fotografen“ für deren Ebooks und Websites… Auch Fotos kosten normalerweise Geld.

Ein Rechenbeispiel

Ich nähe Probe für ein Ebook (kein Stoff-Designnähen), das später z. B. 6,90 Euro kostet (oder womöglich bei einer Sale-Aktion 2 Euro).

Was man als Probenäher*in bekommt: (*2)

  • Ebook und Schnitt im Wert von (exemplarisch) 6,90 Euro
  • Mit Glück etwas Reichweite, sofern der/die Ebook-Ersteller*in mein Bild überhaupt unter Nennung meiner Seite zeigt. Also Ruhm und Ehre. Aber mit steigender Reichweite auch mehr „Hater“.
  • Ganz selten mal einen Rabattcode mit dem ich Material günstiger einkaufen kann.
  • Selten weitere Ebooks der gleichen Designer*innen.

Was dafür von uns erwartet wird:

  • Dass wir Zeit investieren, um MINDESTENS ein Kleidungsstück zu nähen, Feedback zu geben (das oft nicht ernst genommen wird – so meine Erfahrung), uns aktiv in die Gruppe einzubringen und die Anleitung mit zu überprüfen.
  • Das wir das benötigte Material bereits habe, um direkt starten zu können oder eben über einen Rabattcode privat zu kaufen.
  • Dass wir professionelle Fotos mache und diese für werbliche kostenfrei Zwecke zur Verfügung stellen.
  • Dass wir nach der Veröffentlichung die Werbetrommel rühren – also auf unseren Seiten posten, in Gruppe teilen (wo inzwischen viele genervt sind von der Werbung) usw.

Und das oftmals in einem Zeitraum von 7 bis 14 Tagen – selten lese ich von Aufrufen mit einer Laufzeit von 4 Wochen.

Was noch dazu kommt: Streng genommen müssten die Probenäher*innen eigentlich noch die Ebooks, geschenkten Stoffe o.ä. versteuern… (Jetzt schätze wir mal alle leise wieviele der Hobbynäher*innen das wohl tun…)

Win:Win sieht anders aus, oder?

Faire Bezahlung vs. Wertschätzung

Und dann kommt neben der fairen Bezahlung für geleistete Arbeit ja noch hinzu: Es hat auch etwas mit Wertschätzung zu tun. Wenn ich dann mitbekomme, dass es tatsächlich Händler gibt, bei denen ich für einen Designnähstoff noch selbst den Versand tragen muss oder auf eigene Kosten die Stoffmenge aufstocken, damit etwas – für mich – Sinnvolles daraus genäht werden kann, dann rollt es mir die Fußnägel hoch. Und auch, wenn Ebook-Ersteller*innen sich mit Händen und Füßen wehren, ein zweites Ebook zur Verfügung zu stellen, um ein sinnvolles Outfit zu nähen, frage ich mich, wie sehr diese Leute unsere Arbeit dann wertschätzen.

Im Grunde hat also jeder, der/die sagt, wir Näher*innen ließen uns ausnutzen, auch recht damit. Jeder „richtige“ Influencer nimmt Geld für Produkttests und -vorstellungen.

Daher fände ich es natürlich prinzipiell schon cool, wenn sich eine (faire) Bezahlung auch für Nähfluencer durchsetzt. Und wenn es für den Anfang nur eine Art Rabatt-Code wäre, an dem wir umsatzbeteiligt werden. Dann ist die Motivation auch vielleicht nochmal eine andere, Werbung zu machen. Wobei ich sagen muss, dass ich hier im Blog Affiliate-Links auch schon nutze, wo es eben geht (Makerist *, AfS *, Amazon *, u. ä.). Reich werde ich davon nicht, aber es hilft z. B. meine laufenden Kosten für die Website, meine verwendete Software oder mal ein paar kleinere Einkäufe mit zu finanzieren.

Gleichzeitig müsste man eine tatsächliche Bezahlung vermutlich wieder irgendwie an einen „Erfolg“ koppeln, damit sich keine schwarzen Schafe dranhängen, die nur die Kohle haben wollen, ohne was dafür zu tun…

Soweit sind wir uns dann in der Diskussion auch irgendwie einig.

Doch dann kommt der große Haken: Selbst wenn wir in einer Gruppe von „Nähfluencern“ (egal ob 10 oder 100) allesamt sagen würden „Ab jetzt nur noch gegen Bezahlung“, gäbe es eben immer noch mehr als genug, die es ohne eine solche machen würden. Hier müsste also ein grundsätzlicher Wandel in der Szene stattfinden. Und ich befürchte, der wird – auch aufgrund des aktuellen „Ansehens“ des Influencer-Jobs – noch lange auf sich warten lassen.

Jetzt brauch ich erstmal einen Baldrian-Tee, um mich zu beruhigen und bin ich gespannt, was du dazu sagst:

Probe-/Designnähen – tolle Sache oder Ausbeute?

Nähtastische Grüße,

eure


P.S.: Liebe Stoffdesigner*innen und Ebook-Ersteller*innen: Auch wenn ich in diesem Beitrag sehr kritisch, auf die Probe- und Designnäh-Szene schaue, heißt das nicht, dass ich nicht trotzdem auch gern mal einen Schnitt teste und alle beneide, die Stoffe designnähen dürfen, während ich eine Absage nach der anderen kassiere. 😉 Es handelt sich hier, um einen Beitrag, der einfach einmal einen Missstand aufzeigen soll und erklärt, wieso es eben auch Leute gibt, die den Spaß daran mit steigender Hater-Zahl und schwindender Wertschätzung verlieren. Es gibt aber sicher auch unter euch ganz, ganz tolle wertschätzende Unternehmer*innen.

P.P.S.: Kein Probenähen, kein Designnähen. Auf den Bildern in diesem Beitrag seht ihr T-Shirt Vivien (Größe 40) von einer meiner Lieblings-Designerinnen „Meine Herzenswelt“ aus einem Stoff-Panel von Stick & Style. Das T-Shirt ist ein Freebook, den Stoff findet ihr hier. Für beide Links bekomme ich keine Vergütung. Wer mit dennoch etwas Gutes tun möchte, findet unter „Meine Stoffkasse“ verschiedene Links und Banner, an denen ich eine Umsatzbeteiligung erhalte, wenn du darauf klickst und dort einkaufst (Affiliate-Programme). Vielen Dank.


Anmerkungen

*1 Anmerkung: Natürlich mit Gewerbeschein. Rg, Steuereklärung und Co.

*2 Es handelt sich hier um meine persönlichen Erfahrungen – es gibt sicher auch Designer*innen, bei denen das anders ist


Quellen, Links, etc.

Schnitt: T-Shirt Vivien in Größe 40 von Meine Herzenswelt (Freebook)

Stoff und Zubehör: Panel „Alles vor dem ersten Kaffee ist Notwehr“ von Stick & Style